springt ein winzig kleiner fisch – Ein lyrischer Sammelband gegen die Krise
Krisenrhetorik allerorten, auch die Krisenstimmung breitet sich immer weiter aus, und wenn dazu noch Novemberstürme übers Land fegen, möchte man sich gelegentlich nur noch die Decke über den Kopf ziehen. Darunter nehme man dann allerdings die 17. Ausgabe aus der Reihe „Das Gedicht“ mit, die diesmal den Titel trägt: „Fürchte dich nicht – spiele! Poetische Weg aus der Angst“ und in den versammelten Texten den Homo ludens zu beschwören versucht, der die Kunst und die Zweckfreiheit des Spiels der herrschenden Zielorientiertheit und Leistungsbereitschaft und den damit einhergehenden Zweifeln entgegensetzen will.
Anton G. Leitner und Friedrich Ani hatten die Idee zu dieser Ausgabe im Juni 2008, als die große Finanzblase noch nicht geplatzt war. Die beiden Herausgeber meinten schon, „an allen Ecken und Enden Deutschlands eine ständig wachsende Angst oder Resignation zu verspüren“, wie es im Vorwort nachzulesen ist. Und so haben sie Gedichte zusammengetragen, die mit der Angst in den Ring steigen, mal resignierend, mal ermutigend, mal frontal drauflosgehend, mal die Angst umschleichend.
Die Sammlung, die 99 Gedichte, vier Essays und ein Interview mit Johannes Friedrich, dem Landbischof der evangelischen Kirche in Bayern umfasst, bietet also ein wunderbares Kompendium von Spielarten der und Mitteln gegen die Angst, ist eine Art „Lyrische Hausapotheke“ der Gegenwart. Man wird beim Schmökern tröstliche Gedichte finden, wie etwas Arne Rautenbergs „Der Tränenfisch“, das mit den Versen: „weinen musst du weinen weinen / dann kannst du die tränen einen“ beginnt. Aus den Tränen wächst allmählich ein See – und: „denn im tränensee vom tisch / springt ein winzig kleiner fisch“. Gelegentliches Jammern oder Trauern ist also durchaus erlaubt, mit dem Zusammenbeißen der Zähne, so lernt man, ist es nicht immer getan.
Anrührend wie die Verse vom Tränenfisch sind auch das zarte und gegenwärtige „Gedicht gegen die Angst“ aus der Feder der diesjährigen Schweizer Buchpreis-Trägerin Ilma Rakusa oder ein gegen den Tod anschreibendes, das Glück der Gegenwart umtanzendes Gedicht von Friederike Mayröcker, der in ihrer Dichtung über alle Zweifel erhabenen grande dame der deutschsprachigen Lyrik.
Zwar gehen nicht alle der hier versammelten Beiträge so entscheidend über das Verbalisieren eines originellen Einfalls hinaus, wie die beiden zuletzt erwähnten, doch als Mittel gegen die Krise darf einem manches billig sein. Und zugleich lässt sich im Band noch vieles entdecken, etwa die zauberhafte, an ein Haiku erinnernde, sechszeilige Miniatur voller poetischer Strenge und Schönheit, des seit vielen Jahren mit Sechszeilern arbeitenden Mainzer Dichters Jürgen Kross.
Mit den Gedichten von neun Kindern, die in einer Berliner Schreibwerkstatt unter der Leitung von Anja Tuckermann entstanden und in den Band mitaufgenommen worden sind, haben die Herausgeber dem Band ein besonders interessantes Kapitel beigefügt. Angst und ihre Bewältigungsstrategien aus der kindlichen Perspektive betrachtet, haben völlig andere Facetten und Gesichter, muten zum Teil fast surreal an, wie im Gedicht über die Angst vor Haaren von dem zehnjährigen Mustafa. Sie ermöglichen einen veränderten Blick auf eigene Ängste.
Ein weiterer Grund, den vorliegenden Band zu lesen, ist auch der Essayteil. Friedrich Ani etwa kommt in „Das mögliche Glück. Von der Wiederentdeckung des Übermuts“ zu einem glühenden Plädoyer gegen Egozentrik und für die Dichtung. Man wird nach der Lektüre dieser Sammlung womöglich etwas gestärkt unter seiner Decke hervorkriechen und der Krise entschlossener ins Auge sehen. Denn auch Lesen kann mögliche Wege aus der Krise aufzeigen. Und das nicht nur einen stürmischen Winter lang.
Beate Tröger
Anton G. Leitner / Friedrich Ani (Hrsg.) Das Gedicht Band 17. Fürchte dich nicht – spiele! Weßling bei München 2009, 165 Seiten, 12 Euro.
Außer Büchern – Literatur im TV: “LeseHorizonte: Südafrika”
(Noch bis 18. Juni auf dem Onlineportal Arte+7 zu sehen: bitte hier entlang …)
Als die FAZ im vergangenen Jahr lautstark forderte “Hungert sie aus!” dürfte der ein oder andere vermutlich zustimmend genickt haben – denn damit war die Literatur gemeint. Der Text beklagte die Saturiertheit der deutschen Schriftsteller angesichts der Vielzahl der Preise: “Zutraulich geworden durch regelmäßige Fütterung, scheint der Literatur sogar das Bewusstsein dafür abhandengekommen zu sein, dass ihre innere Natur nicht die des Haustiers ist, sondern die der Bestie.” Dass im Gegenzug vor allem gesellschaftliche Umbrüche oder Notstände die Qualität der Literatur befördern, war da freilich ebenfalls zu lesen – “Aus den dunkelsten Epochen leuchten uns die überragendsten Dichtungen entgegen” – was für ein zynisches Klischee! Aber klar: Irgendwie ist da was Wahres dran, und so versteht man auch die Entscheidung von dem französischen Brüderpaar Olivier et Patrick Poivre d’Arvor – der eine Schriftsteller, der andere Journalist – ihre Reportageserie über die Literaturen anderer Länder in Südafrika zu beginnen.
15 Jahre sind vergangen seit den ersten freien Wahlen in Südafrika und der Abschaffung der Apartheid – die eben mit der Hautfarbe immer auch die Sprache meinte: Der Aufstand in den Soweto-Townships war ein Aufstand der Schüler, die gegen die Verpflichtung der schwarzen Bevölkerung auf Afrikaans als Amts- und also Unterrichtssprache protestierten. Seit 1994 hat Südafrika nun elf Amtssprachen, eine Vielfalt, die nur von Indien übertroffen wird. Die Politik und die Sprache sind denn auch die Themen der Gespräche, die die Poivre d’Arvors mit so unterschiedlichen südafrikanischen Autoren wie der Dichterin Lebo Mashile, den Schriftstellern André Brink und Ivan Vladislavic, der Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer sowie einer bunten Runde hierzulande völlig unbekannter Autoren geführt haben.
Dabei kommen durchaus unterschiedliche literarische Haltungen und Persönlichkeiten zu Wort. André Brink etwa, der nach einem Publikationsverbot begann, auf Englisch zu schreiben, um wenigstens jenseits seiner Heimat gelesen zu werden, jedoch nie aufhörte, sich in Afrikaans auszudrücken: “Das ist die Sprache der Apartheid, die Sprache der Autoritäten, die Sprache der Macht, und ich wollte diese Macht in ihrer eigenen Sprache anfechten.” Auch steht Nelson Mandela bei einigen durchaus in der Kritik.
So entsteht ein spannendes Panorama dieses Landes und seiner Literatur – dem man höchstens eine halbe Stunde Verlängerung gewünscht hätte, da man manche Meinung, manches Argument gerne noch ausgeführt bekommen hätte und gerade von der nicht weniger disparaten jüngeren Generation – die teils recht heitere Frauenliteratur produziert – gerne mehr erfahren hätte, da sie schließlich die literarische Zukunft von Südafrika repräsentieren.
Was man am Ende allerdings sicher weiß: Umbrüche tun in jedem Fall dem Buchmarkt gut, “von einem Tag auf den anderen”, so erzählt es die Buchhändlerin Henriette Dax, sei die Nachfrage nach Belletristik und Sachbuch exorbitant in die Höhe geschnellt, “die Südafrikaner entdecken ihre Wurzeln und ihre Vergangenheit”, erklärt sie. Die dunkelsten Epochen müssen also manchmal erst ein wenig erhellt werden, damit die leuchtende Literatur auch wirklich zutage treten kann.
“LeseHorizonte: Südafrika”. 11.6., 22.40 Uhr, Arte; weitere Folgen handeln von Ägypten, Haiti und Quebec.
Bild: Sendeanstalt/Copyright
Lesetipps zu Südafrika
André Brink: Die andere Seite der Stille, Osburg Verlag, 19,90 Euro
Ivan Vladislavic: Johannesburg – Insel aus Zufall, A1 Verlag, 19,90 Euro
Nadine Gordimer: Beethoven war ein Sechzehntel schwarz, Berlin Verlag, 19,90 Euro
Breyten Breytenbach: Mischlingsherz, Hanser, 17,90 Euro
Nur auf Englisch erhältlich ist Antjie Kroogs Buch “The Country of my Skull” über die Arbeit der Wahrheitskommission.
„Ausgesprochen hässlich und unleserlich“
Eine Ausstellung der Briefe Marcel Prousts
„Wir wissen noch nicht, können noch nicht wissen, aber wir werden nach und nach sehen, wie groß Proust war. Die Entdeckungen, die Proust im Bereich des Geistes und der menschlichen Seele gemacht hat, werden eines Tages als genauso grundlegend und genauso bedeutend angesehen werden, wie diejenigen Keplers in der Astronomie oder Auguste Comtes in der Wissenschaftslehre“, schrieb Jacques Rivière, Herausgeber der Nouvelle Revue Française, am 1. Dezember 1922 in seinem Nachruf auf Marcel Proust.
Heute ist Prousts Status als ein Säulenheiliger der literarischen Moderne unbestritten. Immer neue Reminiszenzen werden ihm zuteil, unlängst etwa die monumentale Biografie von Yves Tadie. Neben seinem epochalen Werk „A la recherche du temps perdu“ hat Proust auch eine gewaltige Anzahl von Briefen hinterlassen. Bis heute sind knapp 5.000 von ihnen bekannt und in über zwanzig Bänden publiziert worden. Und obwohl der Autor – hierin Kafka, der seine Werke nach seinem Tod verbrannt wissen wollte, nicht unähnlich – sich gewünscht hatte, dass die Briefe vernichtet werden, haben sich glücklicherweise die meisten von ihnen erhalten. Eine von dem Kölner Rainer Speck, seit langem Sammler von Proustiana, und Jürgen Witte kuratierte Ausstellung im Münchner Literaturhaus zeigt nun 81 dieser Briefe, darunter 20 bislang nicht publizierte.
In einem aus konservatorischen Gründen auf ein Helligkeitsminimum herabgedimmten, einem Kirchenschiff nachempfundenen Ausstellungsraum finden sich in sorgsamer Anordnung und aufgeteilt in Lebens- und Schaffensphasen die Briefe in beleuchteten, gläsernen Vitrinen. Es scheint ein wenig, als tauchte man hinab in die Dämmerung einer großbürgerlichen und adligen Welt der Pariser Salons des Fin de Siècle, in denen Proust viele Jahre lang ein gern gesehener Gast war, und aus deren Kreisen zahlreiche seiner Briefpartner und -partnerinnen hervorgingen. Unverzichtbar für den Ausstellungsbesuch ist der Audioguide, mit dessen Hilfe die gezeigten Texte aus Prousts Feder, deren Schriftbild in einem Exponat der Ausstellung als „ausgesprochen hässlich und unleserlich“ charakterisiert wird, überhaupt erst dechiffriert werden können. Trotz der Unleserlichkeit gibt die Auswahl der Briefe in ihrer akustischen Vermitteltheit und der Kontextualisierung mit Fotos und Publikationen der Zeit einen wunderbaren Einblick in das Leben dieses so obsessiv Schreibenden, den Beckett in seinem Essay aus dem Jahr 1931 trotz seiner Verehrung etwas spitz als „geschwätziges altes Weib“ bezeichnet hat.
Vieles in der Ausstellung kann verwundern, wie etwa ein früher Brief Prousts an seine Mutter, den der Sohn, im gleichen Haus lebend, an sie schrieb und in dem der junge Marcel Ereignisse und Pläne des Tages exakt protokolliert. Dieses Exponat zeigt, dass die Briefe weit mehr alltägliche als literarische Kommunikationsinstrumente waren, sie waren Instrumente der Freundschafts- und Selbstvergewisserung dieses „Cher ami“. Zugleich liegt in dieser Form der verschriftlichten Alltäglichkeit schon das Material des Beobachters, Zergliederers und Seelenseziereres, als der sich der Autore der „Recherche“ erweist, begründet. In ihrer spontanen, persönlichen und unmittelbaren Bezugnahme und in ihren zahlreichen Höflichkeitsformen und -floskeln sind Prousts Briefe eine Art Kehrseite der aller Alltäglichkeit enthobenen Analytik seines Romanwerkes.
Und obwohl man sich vor der Vermischung der Person Proust mit dem Erzähler der „Recherche“ hüten sollte – wovor Proust selbst zu allererst warnte und worauf sich heute die Literaturwissenschaft nicht nur im Falle dieses Autors wie selbstverständlich beruft –, erhellt sich doch in der Ausstellung, dass die „Recherche“ jenseits ihrer überzeitlichen Gültigkeit auch eine deutliche biografische und zeitgeschichtliche Bezüge in sich trägt.
Man wird bei einem Besuch der Ausstellung ohne besonderes Vorwissen womöglich an einigen Stellen im doppelten Wortsinn zunächst im Dunklen tappen. Proust-Freunden garantiert diese Ausstellung mit ihren Videoausschnitten mit Interviews von Zeitzeugen des Autors, wie etwa des Hausmädchens Celeste, und den wenigen, aber umso anrührenderen Exponaten einer literarischen Ausnahmeerscheinung, sicherlich entzückende Elemente. Dem Sammler Speck, der einige der wichtigsten Autografen in seinem Besitz hält, darunter den gleichfalls ausgestellten, bis vor kurzem noch unbekannten ersten Entwurf von Prousts programmatischem Aufsatz „Sur la lecture“ von 1905, in dem die Ästhetik der „Recherche“ bereits entwickelt wird, ist hier gar nicht genug für sein langjähriges Bemühen und Zusammentragen zu danken. Das viele Material aus Prousts Umfeld, die Fotografien der Freunde, private Dokumente der Familie und seltene Vorzugsausgaben der ausufernden Erinnerungsliteratur des großen Kreises um Proust, in denen sich häufig Faksimiles oder gar Originalschriftstücke finden, sind ein kostbarer Schatz.
Und wer die Haarlocke, die Celeste nach dem Tode Marcels auf Wunsch des Bruders und Mediziners Robert Proust, abgeschnitten hatte, in ein Glasmedaillon gefasst bewundert, wer die zahllosen, scheinbar so leichthändig hingeflatterten Briefzeilen wie zum Greifen nahe vor sich sieht, wird sich der Aura dieser Reliquien der literarischen Moderne nicht entziehen können.
Cher ami . . . – Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz. Literaturhaus München, bis 7. Juni 2009. Danach von 28. Juni bis 6. September 2009 im Museum für Angewandte Kunst Köln. Der Katalog, erschienen bei Snoeck, kostet 49,80 Euro, das Begleitheft 5 Euro.
Bild: © BPRS, Bibliotheca Proustiana Reiner Speck
Einen Stift! Ein TV-Porträt der Lyrikerin Hilde Domin
Bild: ZDF/3Sat
Der Satz „Lassen Sie mich mal grad die Domin einsortieren“, ausgesprochen von einer Buchhändlerin, bedeute, so erzählt es die Regisseurin Anna Ditges am Beginn ihres Films, den Anfang ihrer Bekanntschaft mit der Lyrikerin Hilde Domin. Wie könne jemand so klar und deutlich formulieren, was sie bewege, habe sie sich beim Lesen gefragt – und Domin kennenlernen wollen. Zwei Jahre lang – anfangs ohne Unterstützung von Sendern oder Produktionsfirmen – besuchte sie die Dichterin immer wieder in ihrem Haus in Heidelberg, fuhr mit ihr nach Köln ins Elternhaus, zum Friseur, auf den Friedhof. Ditges war dabei Kamerafrau und Regisseurin in einem – sonst wäre sie Domin vermutlich auch nicht so nahe gekommen. Auch wenn sich die beiden bald duzen und Domin Ditges sichtlich wie eine Enkeltochter bei sich aufnimmt, reagiert sie auf die Kamera oft genervt. „Nicht so nah!“, mahnt sie dann. Und: „Dieses dauernde Gefilmtwerden hasse ich. Also dich liebe ich, aber dieses Filmen …“
Was der 1909 in Köln Geborenen ebenfalls schwer fällt: über Hitler zu reden, den sie früh erkannt hat und vor dem sie folglich bereits 1932 nach Rom floh; von der Diktatur in der Dominikanischen Republik zu erzählen, wohin sie 1940 mit ihrem Mann Erwin Palm emigrierte. Überhaupt: Erwin auf Bildern zu sehen, die Gedichte, die sie für ihn schrieb, vorzulesen. Ditges insistiert und Hilde Domin gibt nach, rezitiert auf dem Bett lagernd „Zärtliche Nacht“ und reicht das Buch umgehend wie etwas Giftiges zurück an die Regisseurin. Wenn es um die Vergangenheit geht, wird ihr schnell schwindlig, wird sie schnell einmal pampig. „Was für eine doofe Frage!“ empört sie sich, als Ditges fragt, ob ihr die Abtreibung des auf der Überfahrt nach Santo Domingo empfangenen Kindes schwer gefallen sei. Und Erwin? „Erwin wollte sowieso keine Kinder, Erwin wollte die Hauptperson sein, das ist ja ganz klar.“ Als Hilde Domin 1951, nach dem Tod ihrer Mutter, ihr erstes Gedicht schrieb, eilte sie sofort zu Erwin. Doch der sagte nur: „Du schreibst keine Gedichte.“ – er selbst schrieb nämlich welche. Dann las sie es ihm vor. „Er sagte, das ist ein Gedicht, und knallte die Tür.“ Es scheint ihm schwer gefallen zu sein, das Talent seiner Frau anzuerkennen: „Sicher war ich keine Dichterin für ihn, ich war seine Assistentin“, erklärt Domin. Er fehlt ihr dennoch wie niemand sonst, das lässt sich weder übersehen noch überhören.
Gemeinsam mit Domin sichtet Ditges Orte und Bilder der Erinnerung, im Hintergrund liest Anna Thalbach Lyrik und Prosa von Domin, die Kamera ist manchmal ziemlich schief gelagert – was in vielen Situationen durchaus seinen Reiz hat. Dann sieht man nur ein halbes Domin-Gesicht oder nur die Baumkronen im Himmel oder nur die Schatten der Spazierenden. Anders als so ausschnitthaft und doch unglaublich nahe hätte man die Domin kaum porträtieren können. Dabei sind scheinbar naive Fragen gar nicht das Schlechteste, um dieser Frau zu begegnen – weil man dann ein gutes Bild von ihren Eigenheiten bekommt. „Was braucht es zum Gedicht?“ fragt Ditges zum Beispiel einmal. Und was sagt Domin? „Einen Stift!“
„Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“, 10. Mai, 3Sat, 21.45 Uhr
Tukan-Preis für Christine Wunnicke
Die Jurybegründung:
Die Welt von Jean Paul und Schopenhauer mit dem Internet-Zeitalter zu verbinden, geht das? Christine Wunnicke ist es mit ihrem Roman „Serenity“ gelungen. „Three things I like: Nose rings, Cats, Schopenhauer“ gibt die virtuelle Hauptfigur in den Weiten des Netzes bekannt, und das ist erst der Anfang des rasanten Spiels mit Identitäten und Ebenen, das die Autorin betreibt. Wunnicke hat ein Pandämonium kauziger Gestalten geschaffen, im Mittelpunkt der Philosoph Dr. Varendorf, ein Mittfünfziger, der eine kleine Schopenhauer-Bibliothek leitet und seit einem Vierteljahrhundert an einer Habilitation über das Nichts arbeitet. Seine Hilfskraft installiert ihm zu Hause einen internetfähigen Computer, der von der skeptisch beäugten fremden Technik zur Sucht wird – Varendorf baut sich eine Parallelexistenz im Netz auf, er ist „Serenity“, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das mit anderen Hyper-Existenzen „ein interessantes Gefühl für das Grauen der Existenz“ teilt.
Wunnicke erzählt in ihrem grotesken, präzis konstruierten Roman von den Folgen der Einsamkeit. Sie hat auf der sprachlichen Ebene einiges riskiert – ihr Protagonist muss sich in den Jargon des neuen Mediums einfinden –, und sie führt den großen Diskurs der Literatur von Sein und Schein fort. Das „RL“, das real life, entgleitet Varendorf zunehmend in dieser elektronischen Welt aus Wille und Vorstellung, und mit Schopenhauer müssen sich die Leser fragen, ob „etwan d. ganze Leben ein Traum sei“.
Dem Roman gelingt das Kunststück, dem internetkundigen Leser ein Lesevergnügen zu bieten und gleichzeitig auch dem, der mit Varendorf in unbekannte e-Welten hineinstolpert. Schopenhauer-Kenner und -Laien – beide kommen auf ihre Kosten. Komisch und tragisch sind die Ereignisse, die in amüsanter Weise die Entwürfe verhandeln, die sich jeder Mensch von sich macht, mit denen er ebenso gut reüssieren wie scheitern kann.
Christine Wunnickes vierter Roman, im neu gegründeten Osburg Verlag erschienen, ist den großen Feuilletons bislang entgangen; die Jury wünscht dem klugen, abgründigen Buch eine große Leserschaft.Christine Wunnicke, Jahrgang 1966, hat bisher fünf Bücher veröffentlicht; neben „Serenity“ sind das die Romane „Fortescues Fabrik“ (1998), „Jetlag“ (2000, als Projekt mit dem Münchner Literaturstipendium ausgezeichnet) und „Die Kunst der Bestimmung“ (2003), ausserdem die Biographie des Kastratensängers Filippo Balatri, „Die Nachtigall des Zaren“ (2001, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Staatsförderpreis). Sie schreibt Radiofeatures und Hörspiele und ist Übersetzerin und Herausgeberin der ersten deutschen Ausgabe des englischen Dichters John Wilmot, Earl of Rochester.
Link zur Seite der Stadt München …
KLAPPENTEXT Online Exklusiv: “BUCH HEUTE”
Folge 9: “Trockenzone”
Jakob Schiefer im Gespräch mit Lotta Rausch: Was heißt hier peinlich?
Die hemmungslose Unmittelbarkeit, mit der die Autorin und “Staubforscherin” Lotta Rausch über ihre körperliche Beziehung zum Schmutz berichtet, lässt niemanden kalt. In der Fachwelt führte der intime Tatsachenbericht zu hitzigen Diskussionen über die Grenzen der Literatur. Doch de facto hat es der Verkaufsschlager geschafft, das Reinlichkeitsempfinden einer ganzen Nation in Frage zu stellen – und das auf raffinierte, zutiefst philosophische und oft höchst amüsante Weise. Ein Buch, das bewegt, aufrüttelt, Leben verändert!
Folge 9: Trockenzone
Ein Leben im Staub: Ohne jede Scheu spricht Ex-Fotomodell und “Trockenzone”-Autorin Lotta Rausch von ihrer tiefen Freundschaft mit einem Stoff, den das Gros der Menschheit gewöhnlich achtlos aufsaugt oder wegwischt. Doch jenseits der Peinlichkeit eröffnet sich ein faszinierender Kosmos nicht nur körperlicher Erfahrungen.
[audio:http://www.literatur-muenchen.de/blog/wp-content/uploads/buh_folge9.mp3]
Maurice-Sendak-Ausstellung
Zum 80. Geburtstag von Maurice Sendak zeigt die Internationale Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg die Ausstellung “Wilde Kerle und freche Helden”: Spätestens seit im Jahre 1963 sein Buch “Where the Wild Things Are” (“Wo die wilden Kerle wohnen”) erschien, gilt Maurice Sendak als einer der wichtigsten Bilderbuchkünstler weltweit. Seine rebellischen kleinen Helden schockierten viele Eltern. Kinder und Kritiker waren begeistert. In fast 60 Jahren illustrierte Sendak weit über achtzig Bücher. Die Geburtstagsausstellung präsentiert eine Streifzug durch Maurice Sendaks umfangreiches Bilderbuchwerk. Poster, Fotografien und Zeichnungen in der Wehrgang-Galerie spiegeln die wechselseitige Beeinflussung von Sendaks Bilderbüchern und seinem Wirken als Bühnenbildner und Gestalter wider.
Internationale Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg, Wehrgang-Galerie und Studiensaal, 31. Juli bis 26. Oktober, Mo – Fr 10 – 16 Uhr, Sa/So 14 – 17 Uhr
Zur Website der IJB …
“Meine Tonbänder sind mein Widerstand”:
Hörspiel von Thomas von Steinaecker
Aufnahme, Rückspultaste, Wiedergabe. Klaus Hofer ist einer, der sein Bandgerät immer dabei hat, der die Gegenwart mitschneidet und in die Vergangenheit zurückspult, um herauszufinden, ob ihm etwas entgangen ist, ob er vielleicht etwas überhört hat – und wie alles in Wirklichkeit war: ein besessener Einzelgänger, für den es keine Grenze gibt zwischen Leben und Hörspiel.
Die Beziehung zu seiner Freundin Petra, die ihn für ein Genie hält und trotzdem verlässt, dokumentiert er auf seinen Tonbändern ebenso wie die Verschwörungstheorien des Unfallchirurgen Pontus, der Hauptfigur einer Krimiserie, die als einzige von Hofers Hörspielarbeiten zu seinen Lebzeiten im Radio läuft. Enttäuscht von der Kulturindustrie, die ihn nicht wahrnimmt, kommt er zu der Überzeugung: Wer die Realität ablehnt, muss sie als Material betrachten.
Das fiktive Feature “Meine Tonbänder sind mein Widerstand” feiert die Entdeckung des unbekannten Hörspiel-Pioniers Klaus Hofer, mit Ausschnitten aus seinen Hörstücken, dem Tontagebuch und seinem “Klanglexikon der Gefühle”, die hier erstmals zu hören sind – Werke, die Hofer zu einer der großen Entdeckungen in der Geschichte des deutschen Hörspiels machen.
Mit Oliver Stritzel, Philipp Grimm, Christiane Rossbach, Wolfgang Pregler, Oliver Mallison, Hans Kremer, Peter Veit. Komposition: Samuel Schaab, Regie: Bernadette Sonnenbichler, BR 2007, Länge: 58’18
“Meine Tonbänder sind mein Widerstand” ist neu im Hörspielpool des BR: zur Website … Oder direkt zur Audiodatei …
“Die Kinder beruhigte das nicht” von Alois Hotschnig
Der österreichische Schriftsteller Alois Hotschnig erhält den mit 14.600 Euro dotierten Erich Fried Preis 2008 – so hat es in diesem Jahr die alleinige Jurorin, die Autorin Katja Lange-Müller, bestimmt: »Meine Entscheidung ist auf Alois Hotschnig gefallen, weil er aus der Sprache heraus ‘erfindet’, weil er – wie derzeit kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller – die (zu Unrecht allgemein vernachlässigte) literarische Gattung ‘Erzählung’ behauptet und entwickelt.« Weil man Katja Lange-Müller darin nur rechtgeben kann, nehmen wir den Preis zum Anlass, noch einmal auf Hotschnigs jüngsten Erzählband “Die Kinder beruhigte das nicht” aus dem Jahr 2006 hinzuweisen:
Irgendetwas ist aus den Fugen geraten
Ein seltsamer Titel für ein Buch: „Die Kinder beruhigte das nicht“. Bei der Lektüre dieses Erzählungsbandes des österreichischen Autors Alois Hotschnig wird man erfahren, wie passgenau er gewählt ist. Denn den Leser beruhigen diese Geschichten ebenfalls nicht: ein Mensch, der sich in einer Gegenwart wiederfindet, die nicht die seine ist; ein Mann, der auf sich selbst in Puppenform trifft; ein Ehepaar, das täglich die Ankunft von Onkel Walter verspricht, dessen Existenz ganz und gar unsicher ist.
„Wenn ich das Haus verließ, lagen sie auf ihrem Steg, und wenn ich nach Stunden zurückkam, lagen sie immer noch dort“, beginnt die erste der neun Erzählungen. „Sie“ – das sind die Nachbarn drei Gärten weiter, deren entspannte Tatenlosigkeit und Ignoranz ihm gegenüber den Ich-Erzähler langsam aus der Fassung bringt. „Diese Ruhe löste eine Unruhe in mir aus, die zunahm und wuchs und sich zu einer Verstörung auswuchs, mit der ich nicht umgehen konnte.“ Deshalb beobachtet er sie, protokolliert er ihr Verhalten, fotografiert er sie. „So standen sie mir zur Verfügung, wann immer mir danach war.“ Der nächtliche Ausflug zu ihrem Steg scheitert fast in Schlamm und Morast und endet dann abrupt: Es „fehlte mir nun jede Lust, mich auf eine der Liegen zu legen, und so machte ich mich durch die Gärten davon.“
Read more
Kafka-Hörbücher – mit Hörproben
Ob sie Kleists “Michael Kohlhaas” kenne, fragte Franz Kafka in einem Brief an Felice Bauer: “Wenn nicht, dann lies ihn nicht! Ich werde Dir ihn vorlesen!” Auch die eigene Prosa hat Kafka gerne zu hören gegeben, “das zitternde Eintreten ins Zimmer der Schwestern. Vorlesung”, heißt es in seinem Tagebuch, nachdem er “Das Urteil” “in der Nacht vom 22 zum 23 von 10 Uhr abends bis 6 Uhr früh” geschrieben hatte. Daran, dass der Hörbuchmarkt am 125. Geburtstag dieses Autors nicht vorbei kommt, trägt also nicht allein der Jubiläen-Kapitalismus Schuld.
-
Biografisch
Am umstandslosesten biografisch nähert sich der Theaterkritiker C. Bernd Sucher in seinem Vortrag in gleichsam intimer CD-Atmosphäre. Zitate aus Briefen, Tagebucheinträgen, Prosatexten – die von Matthieu Carrière gelesen werden – und Details aus Kafkas Leben reiht er zu einer inspirierten Einführung in die Motive von dessen Werk – Frauen und Väter, Judentum und Juristerei, Nacht und Traum –, das er als autobiografisches Schreiben versteht, als Tragödie des ausgeschlossenen und zugleich vereinnahmten Schriftstellers: “Der Hungerkünstler ist Franz Kafka”. Die luziden Kurzschlüsse und Bemerkungen am Rande erweitern vielleicht nicht den Horizont jedes Kafka-Experten, sind aber für Anfänger und sogar Fortgeschrittene ganz wunderbar geeignet.
Franz Kafka – Eine Einführung in Leben und Werk. Gelesen von C. Bernd Sucher und Matthieu Carrière. Argon, 1 CD, ca. 71 Min., UVP 9,95 Euro.
Reinhören: C. Bernd Sucher über Franz Kafka
[audio:http://www.literatur-muenchen.de/blog/wp-content/uploads/2008/07/sucher_ausschnitt.mp3]
-
Geografisch
Den nicht minder sinnigen Umweg über die Geografie – Kafka reiste kaum, hielt sich insgesamt nur 45 Tage im Ausland auf (so hat es sein Biograf Reiner Stach errechnet, erfährt man von C. Bernd Sucher) – nahm der Verleger Klaus Wagenbach in seinem Buch “Kafkas Prag”, das nun als Hörbuch vorliegt. Leider hat die Bearbeitung dem schönen Essay nicht besonders gut getan: Arg verkürzt wirkt das Reiselesebuch in der Fassung für die Ohren, bald weiß man zwar Straßennamen und Kafkas Wege, der Rückschluss auf das Werk jedoch wirkt oft brüchig, und der touristische Reiz bleibt ähnlich verborgen.
Klaus Wagenbach: Kafkas Prag. Gelesen von Klaus Wagenbach und Alexander Khuon. DAV, 1 CD, ca. 63 Min., UVP 15,99 Euro.
-
Text pur
Selbstredend gibt es zum Gedenktag nicht nur Sekundärliteratur, sondern auch zahlreiche Aufnahmen von Kafkas Texten. Das mit zehn CDs umfangreichste Projekt dürfte wohl die ungekürzte Lesung des Romans “Das Schloss” von Ulrich Matthes sein. Es ist wahrlich kein Leichtes, diesem Werk über Bürokratie, Medien und Identität die eigene Stimme zu verleihen – Matthes inszeniert denn auch ein wenig zuviel, versucht manchmal fast ein Hörspiel aus dem wegen seiner Verschrobenheit dafür tatsächlich recht gut geeigneten Text zu machen und beschneidet ihn so seiner Offenheit. Gelungener: Peter Simonischek liest “Der Verschollene”, ebenfalls ungekürzt. Weil Simonischek sich zurücknimmt, sich beinahe vergessen macht, auf jeden Fall der Sprache den Vortritt vor dem eigenen Ausdrucksdrang lässt und höchstens da zur lautlichen Interpretation neigt, wo auch der Leser es nicht anders verstünde. Er liest den “Verschollenen” als genau das Gruselkabinett des Sozialen, als genau das Grauen der Gesellschaft, das Kafka darin wohl skizzieren wollte. Ebenfalls gelungen (so schlimm auch der Titel” ist die “Kafka-Collection”, die kurze Prosatexte Kafkas versammelt, die von verschiedenen Schauspielern – darunter Katharina Thalbach, Nina Petri und Ulrike Folkerts, Otto Sander, Boris Aljinovic und Dirk Bach – gelesen und mit Musik von Max Brod garniert werden. Da kommt auch der unbekanntere Kafka zu Wort, da werden er und seine Autorschaft in der Vielstimmigkeit derart fragmentiert, dass die Zerrissenheit beinahe wirklich zu erhören ist.
Kafka: Ulrich Matthes liest Das Schloss. Deutsche Grammophon, 10 CD, ca. 800 Min., UVP 29,99 Euro
Kafka: Peter Simonischek liest Der Verschollene. Deutsche Grammophon, ca. 610 Min., UVP 29,99 Euro
Kafka-Collection. Patmos, 1 CD, ca. 79 Min., UVP 16,95 Euro.
Reinhören: Ulrich Matthes liest “Das Schloss”
[audio:http://www.literatur-muenchen.de/blog/wp-content/uploads/2008/07/matthes_kafka_2min.mp3]
Reinhören: Peter Simonischek liest “Der Verschollene
[audio:http://www.literatur-muenchen.de/blog/wp-content/uploads/2008/07/simonischek_kafka_2min.mp3]


