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DAS LITERATURPORTAL FÜR MÜNCHEN

KLAPPENTEXT No. 21, Januar 2010

cover01_10Verehrte Leserinnen und Leser,

München bekommt endlich ein (hoffentlich!) ordentliches Literaturfestival. Und Bayern endlich ein hoffentlich nicht minder ordentliches Literaturportal. Was dem Klappentext da noch zu wünschen übrig bleibt für 2010? Ach, einiges. Weniger Bücher zum Beispiel. Weil ohnehin schon viel zu viele auf dem Markt sind, die wir nie werden lesen können. Und natürlich: mehr Bücher. Weil es dann leider doch noch viel zu wenige gibt, die uns Herz und Hirn erhitzen und uns beinahe um den Verstand bringen. Sie sehen´s schon: Wir sind so flatterhaft und unentschieden wie eh und je – und sonst ändert sich auch nix. In diesem Sinne wünschen wir:

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springt ein winzig kleiner fisch – Ein lyrischer Sammelband gegen die Krise

Krisenrhetorik allerorten, auch die Krisenstimmung breitet sich immer weiter aus, und wenn dazu noch Novemberstürme übers Land fegen, möchte man sich gelegentlich nur noch die Decke über den Kopf ziehen. Darunter nehme man dann allerdings die 17. Ausgabe aus der Reihe „Das Gedicht“ mit, die diesmal den Titel trägt: „Fürchte dich nicht – spiele! Poetische Weg aus der Angst“ und in den versammelten Texten den Homo ludens zu beschwören versucht, der die Kunst und die Zweckfreiheit des Spiels der herrschenden Zielorientiertheit und Leistungsbereitschaft und den damit einhergehenden Zweifeln entgegensetzen will.
Anton G. Leitner und Friedrich Ani hatten die Idee zu dieser Ausgabe im Juni 2008, als die große Finanzblase noch nicht geplatzt war. Die beiden Herausgeber meinten schon, „an allen Ecken und Enden Deutschlands eine ständig wachsende Angst oder Resignation zu verspüren“, wie es im Vorwort nachzulesen ist. Und so haben sie Gedichte zusammengetragen, die mit der Angst in den Ring steigen, mal resignierend, mal ermutigend, mal frontal drauflosgehend, mal die Angst umschleichend.
Die Sammlung, die 99 Gedichte, vier Essays und ein Interview mit Johannes Friedrich, dem Landbischof der evangelischen Kirche in Bayern umfasst, bietet also ein wunderbares Kompendium von Spielarten der und Mitteln gegen die Angst, ist eine Art „Lyrische Hausapotheke“ der Gegenwart. Man wird beim Schmökern tröstliche Gedichte finden, wie etwas Arne Rautenbergs „Der Tränenfisch“, das mit den Versen: „weinen musst du weinen weinen / dann kannst du die tränen einen“ beginnt. Aus den Tränen wächst allmählich ein See – und: „denn im tränensee vom tisch / springt ein winzig kleiner fisch“. Gelegentliches Jammern oder Trauern ist also durchaus erlaubt, mit dem Zusammenbeißen der Zähne, so lernt man, ist es nicht immer getan.
Anrührend wie die Verse vom Tränenfisch sind auch das zarte und gegenwärtige „Gedicht gegen die Angst“ aus der Feder der diesjährigen Schweizer Buchpreis-Trägerin Ilma Rakusa oder ein gegen den Tod anschreibendes, das Glück der Gegenwart umtanzendes Gedicht von Friederike Mayröcker, der in ihrer Dichtung über alle Zweifel erhabenen grande dame der deutschsprachigen Lyrik.
Zwar gehen nicht alle der hier versammelten Beiträge so entscheidend über das Verbalisieren eines originellen Einfalls hinaus, wie die beiden zuletzt erwähnten, doch als Mittel gegen die Krise darf einem manches billig sein. Und zugleich lässt sich im Band noch vieles entdecken, etwa die zauberhafte, an ein Haiku erinnernde, sechszeilige Miniatur voller poetischer Strenge und Schönheit, des seit vielen Jahren mit Sechszeilern arbeitenden Mainzer Dichters Jürgen Kross.
Mit den Gedichten von neun Kindern, die in einer Berliner Schreibwerkstatt unter der Leitung von Anja Tuckermann entstanden und in den Band mitaufgenommen worden sind, haben die Herausgeber dem Band ein besonders interessantes Kapitel beigefügt. Angst und ihre Bewältigungsstrategien aus der kindlichen Perspektive betrachtet, haben völlig andere Facetten und Gesichter, muten zum Teil fast surreal an, wie im Gedicht über die Angst vor Haaren von dem zehnjährigen Mustafa. Sie ermöglichen einen veränderten Blick auf eigene Ängste.
Ein weiterer Grund, den vorliegenden Band zu lesen, ist auch der Essayteil. Friedrich Ani etwa kommt in „Das mögliche Glück. Von der Wiederentdeckung des Übermuts“ zu einem glühenden Plädoyer gegen Egozentrik und für die Dichtung. Man wird nach der Lektüre dieser Sammlung womöglich etwas gestärkt unter seiner Decke hervorkriechen und der Krise entschlossener ins Auge sehen. Denn auch Lesen kann mögliche Wege aus der Krise aufzeigen. Und das nicht nur einen stürmischen Winter lang.
Beate Tröger

Anton G. Leitner / Friedrich Ani (Hrsg.) Das Gedicht Band 17. Fürchte dich nicht – spiele! Weßling bei München 2009, 165 Seiten, 12 Euro.