Kanada? Ja, Kanada!
Vor zwei Jahren hatte es die Münchner Frühjahrsbuchwoche leichter. “Literatur und Sport” hieß da das Thema, da ließ sich das Programm durchaus ‘eventiger’ und demnach anziehender für Masse und Presse gestalten. In diesem Jahr hat man es sich deutlich schwerer gemacht: “Literatur baut Brücken: Gastland Kanada” lautet die Überschrift der 16. Internationalen Frühjahrsbuchwoche, die heute offiziell eröffnet wird. Ein Länderthema? Noch dazu Kanada, das Land der Seen und Wälder? Mit einer ähnlich hohen Dichte an bekannten Namen wie 2006 – John von Düffel, Albert Ostermaier, Tim Parks und so weiter – kann sie diesmal ebenfalls nicht aufwarten, die beiden Schriftsteller, die einem mindestens zu Kanada einfallen, Margaret Atwood und Michael Ondaatje, kommen jedenfalls nicht nach München.
Man kann und sollte das als große Chance begreifen, ein erleichtertes “zum Glück!” ausstoßen. Denn zur Freude des Lesers kehrt die Frühjahrsbuchwoche eben durch die Abwesenheit der erklärten Stars und die Konzentration auf ein (zugegeben sehr großes und vielfältiges) Land wieder ein wenig mehr back to basics. Zurück zur Literatur also. Die in Kanada tatsächlich einiges neben Atwood unf Ondaatje zur Entdeckung bereit hält – sodass sich der fragende Blick angesichts dieses Themas recht schnell in einen erfreuten wandeln könnte.
“Die kanadische Literatur, die man sich gern mit einem Rucksack und Schneeschuhen vorstellen würde, reist immer mit mindestens zwei Koffern – in dem einen ist das kanadische ‘Hier’, in dem anderen steckt das Mitgebrachte, nicht Losgewordene, die Erinnerungen, die Heimsuchungen.” schreibt Hans Jürgen Balmes, Lektor des S. Fischer Verlags, in seinem Text in dem ausführlichen und kostenlosen Booklet, das an den Buchwochenorten zur Mitnahme ausliegt. Und der Übersetzter Michael Mundhenk ergänzt, nach einem Verweis darauf, dass 20% aller Kanadier im Ausland geboren sind: “Genau wie man sich die kanadische Identität praktisch nicht in der Einzahl vorstellen kann, ist auch die zeitgenössische kanadische Literatur letzlich nur im Plural zu denken.” Für eine Internationale Frühjahrsbuchwoche ist das keinesfalls der schlechteste Ausgangspunkt.
P.S.: Das Programm der Frühjahrsbuchwoche finden Sie auf der Buchwochen-Website oder hier im Schreibwarenladen – entweder mithilfe der Suche oder per Klick auf den Tag “FJBW” in der rechten Leiste.
Und noch eines: Identität und Immigration sind naturgemäß die großen Themen der kanadischen Literatur – eine deutschsprachige Autorin, die erst im vergangenen Jahr ihre Einreise nach Kanada buchstäblich verdichtet hat, ist die Schweizer Autorin Verena Stefan, der deswegen auch der aktuelle Schreibwarenladen-Buchtipp gilt.
Verena Stefans Roman “Fremdschläfer”
Es fehlen die Worte, mit denen sie sich verständlich machen könnte, es fehlen Muttersprache wie Vaterland. Montreal, wohin die geborene Bernerin und Wahlberlinerin emigriert ist, bedeutet Neuland, bedeutet zwei fremde Sprachen, in und mit denen sie sich fortan zurechtfinden muss. „Man verstummt, sinkt erneut in den Zustand des Kleinkinds zurück, das die Dinge noch nicht beim Namen nennen kann und brabbelnd auf Gegenstände deutet.“ Man hilft ihr mit „HERE“ und „THERE“, so lernt sie – während ihr Körper das Baden in der Aare und das Streifen durch den Kreuzberger Kiez erinnert – Flora, Fauna und Infrastruktur zu buchstabieren. Und dass sie gemeint ist, „wenn jemand Wérénaa! Oder Wiriina! ruft“.
Doch nicht nur der eigene Name ist ihr unerhört, auch „ich“ kommt kaum vor: „Fremdschläfer“ ist fast durchweg eine Du-Erzählung. „Deine Dinge haben keinen angestammten Platz mehr, die Dinge sind verpackt und eingelagert“, heisst es zu Beginn. „Eine gewisse Sorglosigkeit geht damit einher, unbelastet von Habseligkeiten“.
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Isarstrand II
Welche Freude, heute morgen kam sie per E-Mail, die zweite Ausgabe des PDF-Magazins “Isarstrand”, das “Literatur für Stadt und Erdkreis” veröffentlicht. Diesmal drin: die Fortsetzung des Groschenromans “Claudia sieht rosa”, ein weiterer Teil der Reihe “Vergessene Denkmäler” sowie ein Gedicht ohne Titel und das kurze Prosastück “Lachmüll” von Katja Huber. Und einiges mehr … Deshalb: herunterladen und lesen! (pdf).
“Die letzten Bilder” von Robert Gernhardt: Lesung und Ausstellungseröffnung
| 11. März 2008 | ||
| 19:00 |
“Witze kann man eigentlich nur noch über Wüsten und unentdeckte Planeten machen. Bei jedem anderen Thema wird sich immer jemand finden, der betroffen ist oder der eine Stellvertreterbetroffenheit ins Feld führt.” Diese Erkenntnis hat Robert Gernhardt nicht davon abgehalten, die Komische Kunst so elegant wie direkt in Wort und Bild zu bereichern. Er war ein feinsinniger wie spitzzüngiger Lyriker, Autor von klugen Essays und Erzählungen und ein brillanter Zeichner. Zur Eröffnung der Ausstellung “Robert Gernhardt. Die letzten Bilder” im Literaturhaus lesen Anita Albus, Antje Kunstmann, Axel Hacke und Joseph von Westphalen ihre persönlichen Lieblingstexte, begleitet vom “Art Ensemble of Passau”. Im Anschluss wird die Ausstellung eröffnet.
Eintritt: Euro 14.- / 10.- (inkl. Wein & Brot), Beginn ist um 19 Uhr, mehr Infos …
radio: Über “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell
Beinahe ein richtiggehendes Dossier über diesen Roman und die Diskussion darüber hat das Deutschlandradio zusammen gestellt, unter dem Titel “Monologe eines Mörders” gibt es Texte sowie MP3s zum Download.
Adelbert-von-Chamisso-Preis für Stanišić, Forgó und Stavarič
| 29. Februar 2008 | ||
| 20:00 |
Am 29. Februar wird der Adelbert-von-Chamisso-Preis verliehen, der jährlich herausragende literarische Leistungen Deutsch schreibender Autorinnen und Autoren würdigt, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist. Den mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis bekommt in diesem Jahr Saša Stanišić für “Wie der Soldat das Grammofon repariert” (Luchterhand), die mit jeweils 7.000 Euro dotierten Förderpreise gehen an Michael Stavarič (für “Terminifera”, Residenz Verlag, siehe Schreibwarenladen-Buchtipp) und Léda Forgó (für “Der Körper meines Bruder”, Atrium). Die Biografien der drei Schriftsteller finden sich in der Pressemitteilung, mehr Infos zum Preis auf dessen Website . Schön auch das Gespräch, das die Münchner Literaturkritikerin Katrin Hillgruber mit allen dreien geführt hat: “Widerstand ist zwecklos” (FR).
Verleihung im Literaturhaus: Eintritt € 8/€ 6, Beginn ist um 20 Uhr, mehr Infos …
“Terminifera” von Michael Stavarič
Man muss sich Michael Stavarič als glücklichen Googlemaniac vorstellen. Nicht, dass das World Wide Web in seinem jüngsten Roman „Terminifera“ irgendeine Erwähnung fände: Das Prinzip des Surfens bestimmt vielmehr im Grunde sein Textwerken und das Bewusstsein seiner Figuren; wie Onlinejunkies durchs Internet browsen sie durch ihr Gehirn, sie nehmen alle möglichen Abzweigungen, und dahinter lauert bereits der nächste Link nach Irgendwo. Dass in der Gedanken-Netz-Chronik manches Mal die Verben hinten `runterfallen, ist nur normal bei der Geschwindigkeit, mit der der Ich-Erzähler Lois die Kruditäten der Welt und ihrer Bewohner montiert: „Ich erinnere mich, wie ich staunte, als ich erfuhr, dass auf jedes Neugeborene fünf neue Einkaufswägen. Im Prinzip dreht sich alles um Nahrungsmittel. Bei Insektenstaaten ist das nicht viel anders, die sind nur besser organisiert.“
Lois nennt sich mit Nachnamen Lane, ganz wie die Gehilfin von Superman; den Namen – und nicht nur den – bekam er in dem Vorarlberger Kinderheim verpasst, in dem er aufwuchs. Für einen Superman sei er zu dürr und mädchenhaft, hieß es damals. „Bleibt noch zu sagen, meine Kindheit, die sei an allem schuld“: Auch weiterhin scheint sich Lois, mittlerweile Krankenpfleger, über sein Geschlecht unsicher, auch weiterhin spielen Superhelden eine wichtige Rolle. Mr. Spock zum Beispiel kommt regelmäßig mit seinen klugen Ratschlägen vorbei. Read more
“Liebe in Zeiten der Cholera” – verfilmt
Heute läuft die Verfilmung von Gabriel García Marquez´ “Die Liebe in Zeiten der Cholera” an (Homepage des Films) – und die Filmkritiker sind nicht gerade begeistert. Der Regisseur Mike Newell scheint auf den ersten Blick zwar nicht die schlechteste Wahl für das südamerikanische Epos, doch erntet er alles andere als Lob. “Reichlich ausfransend” nennt die FR den Film, “das klapprige Erzählskelett kann die dick aufgetragenen Bilder kaum tragen”, schreibt die Welt und die NZZ-Besprechung endet: “Nach hundertvierzig Minuten Karibikshow bleibt einzig die Einsamkeit der Kinogängerin vor einem Reigen verschwitzter Kostüme zurück.”
Jürgen Bulla liest Lyrik
| 13. März 2008 | ||
| 20:00 |
Jürgen Bulla, geb. 1975, veröffentlicht seit 1995 Gedichte. Er engagiert sich seit 1996 als Mitveranstalter des Poetry Slams im „Substanz“ und ist redaktioneller Mitarbeiter bei der Lyrik-Zeitschrift „Das Gedicht“. Jürgen Bulla ist Mitglied von „Black Ink“, einem Verlag, der Vereinigung junger AutorInnen und Label zugleich ist. In der Stadtbibliothek Hadern liest er Lyrik.
Eintritt: € 8, Beginn ist um 20 Uhr, mehr Infos …
Termin-Telegramm März
+++ Zum bislang zweiten Mal findet vom 1. bis zum 9. März, die Bücherschau junior statt, und wieder kann sie sich sehen lassen: In der Rathausgalerie stellen etwa 90 Kinderbuchverlage ihre Bücher aus, jeden Tag von 9 bis 20 Uhr können kleine und große Leser dort nach Lust und Laune stöbern und schmökern. Und außerdem: zahlreiche Lesungen (u.a. von Friedrich Ani, Silke Lambeck, Manfred Mai und Lamya Kaddor), Exkursionen zu „Buchorten“, Workshops sowie Informationsveranstaltungen für Eltern. Das gesamte Programm gibt´s online unter buecherschau-junior.de +++ Am 2.3. um 15 Uhr ist im Marstall das Kinder-Buch-Theater „Der kleine Nick“ (nach René Goscinny und Jean-Jacques Sempé) zu sehen +++ Am 11.3., von 15.30 bis 16 Uhr, ist im Mütterzentrum Sendling (Brudermühlstr. 42) Märchenzeit: zum Zuhören oder Miterzählen, für Kinder ab 3 Jahren, Anmeldung nicht erforderlich +++ Auch die Lesefüchse sind wieder unterwegs, in beinahe jeder Stadtteilbibliothek lesen sie pro Woche eine Stunde vor. Für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren, Eintritt frei, Anmeldung nicht erforderlich, Zeiten und Orte sind online einsehbar unter lesefüchse.org +++
